Weshalb reagieren die Länder der Welt so unterschiedlich auf die Corona-Pandemie?

Fernseh- und Rundfunkanstalten in der BRD bemühen sich nach meinem Eindruck zu beträchtlichen Teilen um eine Berichterstattung, welche den Sensationsmangel, der der Corona-Pandemie anhaftet, durch Stimmungsbilder diversester Art zu kompensieren – sich also eher um Unterhaltung als um Wissenserweiterung über den Verlauf von Corvid-19 zu bemühen.

Madrid: „Wie erleben Sie, als unser Korrespondent in Spanien, heute Morgen die Corona-Epedemie?“ Der Korrespondent: „ So ausgestorben wie man hier in Madrid diese sonst pulsierende Metropole erlebt, hat das schon etwas Gespenstisches….“ Zu welchem informationellen Mehrwert verhilft uns in der BRD diese Nachricht, lieber Korrespondent? Dabei scheint die Floskel „Wie erleben Sie das gerade…?“ zum Stereotyp der moderierenden Journalisten zu avancieren.

Morgenmagazin der ARD: „Wir berichten – wie schon wiederholt in den vorangegan-genen 14 Tagen – heute morgen abermals darüber, ob die Kliniken in der BRD auf die Aufnah-me von Corona-infizierten Patienten ausreichend vorbereitet sind. Dazu ist uns der gesundheitspolitische Sprecher der…. zugeschaltet“. Der Sprecher: „Das muss man sehr differenziert und je nach den regionalen Gegebenheiten in den letzten 14 Tagen betrachten. Denn was verstehen wir unter „ausreichend?“. Niemand ist zurzeit in der Lage, darüber Zutref-fendes auszusagen….“ Zu welchem informationellen Mehrwert verhilft uns in der BRD die Frage, was wir unter „ausreichen“ verstehen, lieber ge-sundheitspolitischer Sprecher?

„Herr Professor X, Virologe an der Universität …, ist uns zugeschaltet und wir wollen von ihm wissen, welche persönlichen Schutzmaßnahmen wirklich gegen eine Coro-na-Infektion schützen. „Herr Professor, hilft eine allgemeine Pflicht zum Tragen von Gesichtsschutzmasken wirklich nachhaltig gegen die Ansteckung mit dem Corona-Virus?“ Der Virologe:“Das kann niemand mit Sicherheit beurteilen, weil es keine Gesellschaft in geschichtlich überschaubarer Zeit gibt, die Erfahrungen mit einer derartigen Pandemie hat sammeln und an uns weitergeben können…“ Zu welchem informationellen Mehrwert verhilft uns in der BRD die Aussage dass niemand nichts genaues weiß, lieber Herr Professor?

„Eindringliche Bitte von uns Ärzten zum wiederholten Mal an alle: Abstand halten, in die Armbeuge schnäuzen und immer wieder Hände waschen: das allein ist schon die halbe Miete! Aber nur die halbe Miete, denn hundertprozentigen Schutz garantiert das nicht“. Zu welchem informationellen Mehrwert verhilft uns in der BRD das Abwie-eln darüber, dass diese Schutzmaßnahmen trotzdem keinen Vollschutz garantieren, liebe Ärzte?

In Deutschland haben sich laut Robert-Koch-Institut 43536 Menschen mit dem Coro-na-Virus infiziert. Bis heute sind 3625 Tote zu beklagen. Die Jones Hopkins Univer-sität in den USA verbreitet demgegenüber höhere Zahlen; dies liegt an der unter-schiedlichen Nutzung von Quellenmaterial. Zu welchem informationellen Mehrwert verhilft uns in der BRD, wenn wir unser eigenes Zahlenmaterial in Frage stellen, lie-be Fernsehmacher?

„Im Rahmen unserer leicht veränderten Sendefolge wollen wir von dem … Experten… der Weltgesundheitsorganisation wissen, weshalb die Völker der Welt so unterschiedlich auf die Corona-Pandemie reagieren. Der Experte: „ Dafür gibt es diverse Gründe, z. B. …“

Zu welchem informationellen Mehrwert uns in der BRD die obigen Aussagen verhelfen, lässt sich u.a. daran ablesen, was dabei uner-wähnt bleibt.

Ad 1: Im Zeitalter des globalen Wirtschaftens nach dem Modell „Radikaler deregu-lierter Marktkapitalismus“ mit den ökonomischen Hauptzielen Wachstum und Gewinnmaximierung ist die Gemeinwohl-Orientierung der nationalen Volkswirtschaften sehr unterschiedlich ausgeprägt – von ideologisch überwuchert in totalitären Gesellschaften (China) über neoliberal eingefärbt in eher autokratisch beherrschten Gesellschaften (Türkei, Ungarn, Polen) bis hin zu deutlich ausgeprägt in demokratischen Gesellschaften (Deutschland, Frankreich, Dä-nemark, Schweden); es sind also alle Schattierungen anzutreffen. Es fehlt offenkundig ein für alle Gesellschaften spürbarer Zwang, im Zeichen des Kli-mawandels, des drohenden ökologischen Kollaps‘ und der Endlichkeit von Ressourcen die Wachstumsdoktrin durch eine für alle Völker notwendige Auskömmlichkeitsstrategie zu ersetzen. Solidarität als herausragendes Merkmal des Gemeinwohls erzeugt daher kein einheitliches weltumspannendes Handlungskonzept. Deshalb wird die Corona-Pandemie von den einen ver-harmlost und von den anderen als gesundheitsgefährdender GAU wahrge-nommen.

Ad 2: Jede Gesellschaft in der Welt wird in einer Krisenlage letztlich von einem einzigen Entscheidungsträger gelenkt. In den Demokratien hat der Regie-rungschef trotz aller Einbindungen in Machtmissbrauch wehrende Strukturen so etwas wie das letzte Wort (Chefsache!), in den Autokratien ein getarnter/ verkappter/pseudodemokratischer Alleinherrscher (Putin, Trump, Erdogan, Orban) und in den totalitären Staaten der Diktator (Xi Jinping). Jeder dieser Machtinhaber verfolgt persönliche, insbesonders machterhaltende Motive. Und je nachdem, wie nützlich ihm die Corona-Pandemie dabei erscheint, dosiert er die Intensität ihrer Bekämpfung – von Verleugnen, über Herunter-spielen bis zu Vertuschen, nur das Allernotwendigste tun bis hin zur Mobilisierung aller Reserven. Und jeder von ihnen ist bereit, für ihren Machterhalt einen nicht näher zu beziffernden Anteil ihrer Gesellschaft zu opfern [1] . Diese Grundwahrheit ist jedoch nicht oder nur sehr begrenzt Teil der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die Medien scheuen davor zurück, klare Worte dafür zu finden.

Ad 3. Die Völker der Welt unterscheiden sich – je nach dem Stand ihrer Entwicklung und Verfasstheit – in Bezug auf KnowHow, strukturelle und organisatorische Flexibilität, Vorsorgefähigkeit und –aufwendungen sowie durch den Status ihrer materielle Ausstattung auf dem Gebiet des Gesundheitswesens. Die Be-kämpfung einer Pandemie ist somit maßgeblich von ihrem jeweiligen gesamt-gesellschaftlichen Leistungsvermögen abhängig.

Ad 4. In der BRD fällt auf, dass die Befindlichkeit aller Facetten der gesellschaftli-chen Wirklichkeit in den Blick rücken und im Hinblick auf die Bereitstellung
von Finanzmitteln zur Überbrückung von existenziellen Engpässen/Gefährdungen überprüft werden. Dabei fällt auf, dass die Pflicht zur Rückzahlung von Krediten zum zentralen Problem von Einpersonen- und Kleinunternehmen wird. Hier fragt man sich, weshalb der Finanzwirtschaft, die Jahr für Jahr hor-rende Gewinne einfährt, kein Verzicht auf die Rückzahlung oder eine sehr langfristige Stundung von Kreditrückzahlungen abverlangt wird. Die Riege der Millionäre und Milliardäre wird regierungsamtlich offenkundig  gar nicht zu finanziellen Beiträgen herangezogen; es herrscht öffentliche Stille gegenüber den Superreichen. Abgesehen von Initiativen, die von einzelnen Superreichen aus eigenem Antrieb oder von ihren Stiftungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgehen mögen, scheinen die Meistbesitzenden, die immerhin über gut 40% des Volksvermögens verfügen, in der Pandemie-Bekämpfung keine Rolle zu spielen.

Facit zur Lage im eigenen Lande

Die BRD ist ein hochentwickeltes zivilisiertes Land, in dem Bildung und Ausbildung mit dem Ziel betrieben werden, alle Mitglieder der Gesellschaft zu autonomen Individuen heranzuziehen; Individuen, die über ein hohes Maß an Einschätzungsvermögen für die aktuelle Lage verfügen.

Die überzeugendste Maßnahme der BRD zur Bekämpfung der Corona-Epedemie sehe ich in der Bekanntgabe der Strategie (gemeinsam durch die Politik und Wissenschaft), dass wir die Ausbreitung der Seuche zeitlich so weit strecken müssen, dass unsere klinischen Kapazitäten dafür ausreichen, in der überwiegenden Zahl der Fälle wirksame Hilfe mit den Möglichkeiten der konventionellen Apparatemedizin zu leisten. Dies ist eine „anfassbare Handlungsanweisung“. Und für äußerst hilfreich halte ich die ebenfalls konkreten Verhaltensmaßregeln: Mindestabstand halten, in die Armbeuge schnäuzen und Hände waschen, so oft es geht. Ob sie helfen, dafür spricht eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, wenn sich alle daran halten.

Mir ist nur schwer verständlich, dass Experten und Politik nur vereinzelt den Mut haben, unserer aufgeklärten Bevölkerung zu sagen: „Über die medizinisch nachhaltige Bekämpfung des Corona-Virus und über den Verlauf von Corvid-19 wissen wir fast nichts oder erst nur sehr wenig. Uns bleibt daher nichts anderes übrig, als die Risiken, die mit dieser unsicheren Informationslage verbunden sind, so gut wie möglich zu identifizieren und ihnen auszuweichen; hoffend, dass wir mit unseren Maßnahmen richtig liegen. Wo dies zu republikweiten Ausgehbeschränkungen, Schul- und Kita-Schließungen, Reduzierungen  der Wirtschaft u. ä.) führt, hat die verantwortliche Politik verbindlich zu entscheiden. In vielen Fällen ist es aber auch angebracht, die föderalen Entscheidungsstränge zu beteiligen und sogar den Einzelfall kritisch zu beurteilen. Wer allerdings bereits jetzt – vor dem zu erwartenden Höhepunkt der Infektionsgefahr – bereits auf verbindliche Vorgaben für die Rückkehr zur Normalität fordert, der sollte sich fragen, ob er autonom genug erzogen wurde, um sich jetzt rational berechenbar zu verhalten. Und dies sollten sich so manche Moderatoren hinter die Ohren schreiben, wenn sie ihre Gesprächspartner permanent insistierend auf verbindliche Aussagen festzunageln versuchen; zumal wir noch nicht einmal vorausahnen können, wie sich denn diese Normalität nach z. B. 8-wöchiger „gesellschaftlicher Ruhigstellung“ – um den Begriff „shut down“  hier einmal außen vor zu lassen –  darstellen wird. Sich Zurückhaltung gegenüber der  deutschen Öffentlichkeit aufzuerlegen, um Panik zu verhindern, halte ich für ein Scheinargument der Verantwortlichen , weil dies den Verdacht weckt, dass die Politik im Krisenfall die Deutschen doch wieder nur für eine unmündige Gesellschaft hält, die man rechtzeitig vor Schnappatmung und Hektik warnen muss. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bevölkerung gewillt ist, diese Krise robust zu meistern. Es sollten jedoch all diejenigen, die sich in der Krise wie „Kriegsgewinnler“ verhalten, wegen Wucherung, Fake News oder Verstößen gegen die verhängten Maßnahmen von Gesetzes wegen konsequent sanktioniert werden – soweit man ihrer habhaft wird.

Copyright Rolf Birkholz 01.04.2020.

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[1] Ich nehme die Kanzlerin der BRD ausdrücklich davon aus, weil sie m. E. zum ersten Mal in ihrer 15-jährigen Regierungszeit in aller Öffentlichkeit Stellung bezogen hat und mit außerordentlichen Maßnahmen sichtbar auf diese Krise reagiert hat.

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